Was ist die Zeit?

Ich ordnete meine Fotos lange Zeit in chronologischer Reihenfolge auf der Festplatte. Davon habe ich hier schon einmal berichtet. Das war für mich lange Zeit das wichtigste Kriterium, um mich an Ereignisse in der Vergangenheit zu erinnern. Jahreszahlen…was war eigentlich 2015 im September? Ach ja, Urlaub auf Usedom. Für die meisten von uns ist die (vergangene) Zeit eng mit Raum und Bewegung gekoppelt – wie in meinem Beispiel mit Usedom. Hat die Zeit denn einen Anfang und ein Ende? Gäbe es ohne Bewegung (also bei totalem Stillstand gar keine Zeit? Die Physik würde die Frage seit Einsteins Relativitätstheorie wohl bejahen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat es für uns Nicht-Physiker einfach und prägnant  formuliert: „Die Vergangenheit ist faktisch, die Zukunft ist möglich.“

 

alte kette

time goes by

 

Vor kurzem wurde ich Zeugin eines Gesprächs zweier Mütter, die sich gegenseitig versicherten, die Entwicklung ihrer Kinder gar nicht mehr bewusst wahrzunehmen, da sie (wörtlich zitiert): „der Zeit immer nur hinterher hechelten“. Dieses Gefühl kennt jeder von uns, oder? Das Gefühl, dass man gegenwärtiges Geschehen nicht mehr so schnell verarbeiten kann wie es geschieht. Vorgestern war der GermanWings-Absturz, gestern der Brexit und heute allstündlich ein neues Trump-Dekret. Wir kommen nicht mehr mit, können nicht mehr Schritt halten. Alles kommt uns beschleunigt vor. Gerade hat sich unser Gehirn mühsam auf den aktuellen Stand gebracht ….da kommt schon wieder etwas Neues hinzu. War das früher eigentlich auch so, in den vielgepriesenen 70er, 80er, 90er Jahren? Die Antwort lautet. „JA“. Nur haben wir gar nicht so schnell mitbekommen, wenn in China ein Reissack umfiel. Wir haben das erst erfahren, wenn der Reissack auf den Kopf der Präsidenten fiel und der davon erschlagen wurde. Also erst viel später. Die vielen Zwischenschritte hat sich niemand merken müssen. Und genau das ist es, was unserem heutigen medialen Zeitalter manchmal fehlt – Abstand (zeitlich und räumlich) und Mut zur Lücke.

 

Poesiealbum, Efeu und Schlüssel

remember me

 

Erinnert ihr euch noch an die alten Poesiealben, später auch Freundschaftsbücher genannt? Mir fiel bei einem Flohmarktbesuch ein besonders altes und schönes Exemplar von vor dem 1. Weltkrieg in die Hände und ich betrachte es immer noch fast ehrfürchtig, wenn ich darin blättere und sehe, wie viel Mühe sich die Schreiber mit ihrem Eintrag in das Album gegeben haben. Es ist die reinste Kalligraphie. Etwas, wofür man heute „Workshops“ besuchen müsste, um es nur annähernd so gut hinzubekommen. In unserem geistigen Auge sehen wir den eifrigen Schreiber abends im Kerzenschein am Küchentisch sitzen und mit schwarzer Tinte die Buchstaben in das Album malen. Das ist auch ein Zeugnis der Muße, der man sich früher hingab, um etwas Schönes im Album zu hinterlassen, um vom Besitzer des Albums nicht vergessen zu werden. Noch ohne Schnörkel, Stempel und Aufkleber und Abziehbilder wie sie dann später hinzukamen. Und trotzdem war es eine Art erstes Facebook.

 

smartphone und poesiealbum

heute und damals

 

Manchmal sehnen wir uns nach dieser Langsamkeit und Besonnenheit zurück, die uns abhanden gekommen ist, oder? Was damals morgens gelb war, war abends auch noch gelb und nicht orange oder gar grün. Nein, die damalige Zeit wünschen wir uns nicht zurück! Elend,  Krieg, Armut und Hunger. Aber wie wäre es, wenn wir aus dieser Zeit  eine Prise Sorgfalt (altmodisches Wort) oder Achtsamkeit in unsere Epoche hinüberretten?

Ich wünsche Euch alles Gute für die kommende Zeit!

Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Friedrich Schiller, Sprüche des Confuzius

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